Juli 2003 |
030706 |
ENERGIE-CHRONIK |
Die wirtschaftliche Situation der Energie Baden-Württemberg (EnBW) ist schlechter, als es den Anschein hatte. Dies ergab eine Bestandsaufnahme, die der neue Vorstandsvorsitzende Utz Claassen vornehmen ließ. Wie die EnBW am 3. Juli 2003 mitteilte, entstehen "erhebliche potenzielle Ertragsbelastungen für das Jahr 2003" insbesondere aus Risiken bei Salamander (000407) und Thermoselect (000918) sowie durch den Einstieg bei den Stadtwerken Düsseldorf (020107). In einigen Fällen lägen die befürchteten Verluste "im dreistelligen Millionenbereich". Es handele sich jedoch überwiegend um "Einmaleffekte, die nur zu einem kleineren Teil liquiditätswirksam sind und keine operative Nachhaltigkeit für das Kerngeschäft entfalten".
Gleichzeitig mit der Gewinnwarnung teilte die EnBW
mit, daß Finanzvorstand Bernd Balzereit "im gegenseitigen Einvernehmen"
abberufen worden sei und die Leitung des Finanzressorts bis auf weiteres
vom Vorstandsvorsitzenden Claassen wahrgenommen werde. Balzereit war erst
vor einem Jahr auf diesen Posten berufen worden und gerade acht Monate
im Amt (020613). Er habe bereits im Herbst
2002 eine "kritische Situationsanalyse" begonnen und ein Ergebnisverbesserungsprogramm
eingeleitet, hieß es in der Pressemitteilung der EnBW. "Nachdem jedoch
weitere Maßnahmen notwendig erscheinen, hält er deren Umsetzung
und Kommunikation im Kapitalmarkt durch neue Kräfte für wirkungsvoller."
Auf einer Pressekonferenz, die vom 7. auf den 4. Juli vorverlegt wurde, kündigte Claassen einen Investitionsstopp, den forcierten Verkauf von Beteiligungen und den Abbau von Personal an. Bis 2006 wolle der Konzern eine Milliarde Euro einsparen, um mit dem Durchschnitt der Branche mithalten zu können. Im Vergleich mit der Konkurrenz habe die EnBW bisher die schlechtesten Ertrags- und Kostenstrukturen. Das Unternehmen habe in keinem der letzten Jahre auch nur ansatzweise seine Kapitalkosten verdient. Die Konzernstruktur mit fast 300 Beteiligungen werde in den nächsten Monaten "erheblich gestrafft". Als erster Schritt sollen 56 Töchter auf zwei verschmolzen werden. Bei 55 Tochterfirmen gebe es rote Zahlen, sieben davon schrieben Verluste in zweistelliger Millionenhöhe.
Am 30. Juli teilte der EnBW-Vorstand mit, daß
er inzwischen konkrete Beschlüsse zur drastischen Bereinigung des
Portfolios gefaßt habe: Von 395 Beteiligungen, von denen sich 229
im Konsolidierungskreis befinden, würden 143 abgegeben. Diese "Reduktion
der strukturellen Konzernkomplexität um fast 40 Prozent" solle durch
Verschmelzungen, Auflösungen, Verkäufe sowie durch "Integration
in Partnerschaften" erreicht werden.
Größter Verlustbringer ist die Stromvertriebstochter Yello mit bisher mehr als einer halben Milliarde Euro (030413). Dennoch scheint auch Claassen bis auf weiteres an Yello festhalten zu wollen. Von der Salamander AG, die zuletzt einen Verlust von 265 Millionen Euro aufwies, konnte bisher nur die Schuhsparte verkauft werden. Bei der Entsorgungstochter Thermoselect, die seit Jahren mit technischen Schwierigkeiten kämpft, addierten sich die Verluste von 1998 bis 2002 auf insgesamt 200 Millionen Euro. Claassen kündigte den Ausstieg aus diesem Geschäftszweig an, falls er nicht binnen eines halben Jahres ein deutlich besseres Bild bieten sollte. Die Beteiligung an den Stadtwerken Düsseldorf, die 450 Millionen Euro gekostet hat, bringt Presseberichten zufolge jährlich 12 Millionen Euro Dividende ein, kostet aber das Doppelte an Kreditzinsen.
Die Bestandsaufnahme des neuen Vorstandsvorsitzenden wird als indirekte Kritik an Gerhard Goll gewertet, der den EnBW-Konzern von Anbeginn geleitet hat. Der ehemalige CDU-Politiker Goll war 1993 Chef des Badenwerks geworden (930517) und hatte 1997, als das Badenwerk mit der Energie-Versorgung Schwaben (EVS) fusionierte, die Leitung der neuen Energie Baden-Württemberg übernommen ( 970806). Unter Golls Verantwortung kam es zu jenen zahlreichen Engagements außerhalb des Kerngeschäfts, die Claassen jetzt als "Verzettelung" kritisierte, sowie zu umstrittenen Investitionen im Energiebereich wie der Beteiligung an den Stadtwerken Düsseldorf (010707) oder dem Einstieg beim spanischen Stromversorger Hidrokantabrico (011211). Im Mai 2002 hatte Goll bekanntgegeben, daß er keine weitere Vertragsverlängerung anstrebe und nach Möglichkeit vorzeitig ausscheiden wolle (020509). Gerüchteweise hieß es damals, daß auch der Großaktionär EDF, der selber von roten Zahlen bedroht ist (030311), mit Golls Geschäftspolitik unzufrieden sei. Die Amtsübergabe an Utz Claassen war zum 1. Mai 2003 erfolgt.